Berühren statt Sehen: Die historischen Priesterhäuser als Tastmodell

Das Kulturamt informiert:

Das Museum Priesterhäuser Zwickau geht einen weiteren Schritt in Richtung Barrierefreiheit. Um auch Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen die Stadt- und Kulturgeschichte näherzubringen, wurde ein 3D-Modell der mittelalterlichen Gebäude zum Anfassen erstellt. Das 1,20 m breite Tastmodell der Priesterhäuser bereichert ab sofort die Dauerausstellung des Museums.

Die haptische Erkundung von ausgewählten Teilen der Dauerausstellung in den Priesterhäusern ist ausdrücklich erwünscht. „Unsere Ausstellung soll für alle Besucher erschließbar sein. Das neue Tastmodell soll vor allem blinden und sehbehinderten Museumsgästen die Möglichkeit bieten, die historischen Bauten, die das älteste erhaltene Wohnbauensemble Sachsens bilden, intensiver zu erleben.“, so Museumsleiterin Alexandra Hortenbach. Damit will das Stadtmuseum auch neue Zielgruppen erreichen.

Das detailreiche Modell aus Kunststoff wurde von der Westsächsischen Hochschule Zwickau (WHZ) aufwändig im 3D-Druckverfahren erstellt. Das Tastmodell der Priesterhäuser Zwickau ist das dritte Modell, welches als Kooperationsprojekt der Behindertenbeauftragten der Stadt Zwickau und der Fakultät Kraftfahrzeugtechnik der WHZ entstand.

Barrierefreiheit in den Priesterhäusern

Neben einem Aufzug, der die Sonder- und Dauerausstellungsbereiche im Museumsneubau erschließt, bietet das Museum einen Ausstellungsrundgang für blinde und sehbehinderte Besucher. Die 20 Stationen befinden sich innerhalb der Dauerausstellung in den historischen Priesterhäusern. Sie bestehen jeweils aus einem Tastobjekt mit einer Beschriftung in Braille- und Pyramidenschrift und einer detailreichen Beschreibung mittels Audioguide.

Museumsleiterin Behindertenbeauftragte Modell

„Museumleiterin und Behindertenbeauftragte freuen sich über das neue Modell“, v.l.n.r.: Alexandra Hortenbach (Stadt Zwickau, Museumsleiterin Priesterhäuser), Professor Dr. Weißbach (Westsächsische Hochschule Zwickau), Irina Teichert (Behindertenbeauftragte der Stadt Zwickau), Foto: Stadt Zwickau

Stationen Audioguide für Sehbehinderte:

  • Großes Stadtwappen von Zwickau
  • Barocke Holztreppe
  • Modell der Priesterhäuser – Einführung zu den Häusern
  • Gotisches Fenstermaßwerk
  • Gusseiserner Ofen
  • Gelehrtenstube
  • Holzverbindungen
  • Stein-Bauteile
  • Dachziegel Mönch und Nonne
  • Steinmetzwerkzeuge
  • Kleidung eines Patriziers aus dem 16. Jahrhundert
  • Kielbogentür
  • Sitzsteine
  • Stehpult
  • Kastenbett
  • Kochstelle mit Küchengalgen
  • Nachbau eines Renaissanceofens
  • Hörspiel Brand Marienkirchturm
  • Ehemaliger Hauseingang
  • Wandschrank aus dem 15. Jahrhundert

Projekt „Mit den Händen sehen“

Die Fakultät Kraftfahrzeugtechnik an der WHZ – speziell Herr Professor Dr. Weißbach und Herr Neumann – haben sich dem Modellbau verschrieben. Von dort aus erreichte die Stadt Zwickau die Anfrage, ob ein solches Gemeinschaftsprojekt denkbar wäre.

So entstand im Jahr 2018 das erste Modell: Das Gewandhaus. Vor der Übergabe wurde der Blinden- und Sehbehindertenverband eingeladen – die erste Probe, ob das Modell den Anforderungen „Mit den Händen sehen“ standhält. Im Ergebnis mussten einige kleine Anpassungen vorgenommen werden. Das Tastmodell steht seit 2019 im Theaterfoyer. Vom Gedanken bis zur Fertigstellung und der Übergabe ist nur ein Jahr vergangen. Von Beginn an haben sich Herr Naumann und Herr Professor Dr. Weißbach in das Projekt mit ihren Ideen und ihrem Engagement eingebracht und ihre Freizeit investiert.

Als zweites Modell, das aus dieser Zusammenarbeit hervorging, folgte schon im Dezember 2019 das Kornhaus – das Domizil der Stadtbibliothek Zwickau. Ein Modellfoto erschien 2020 im Kalender der Firma Schwindt – CAD/CAN-Technologie GmbH. Das Modell besteht aus 230 Einzelteilen.

Die Modelle wurden über den 3D-Drucker der WHZ hergestellt und immer aus verschiedenen Teilen, wie es die Druckgröße zuließ, zusammengesetzt. Vorab machten Mitarbeiter der WHZ Fotos. Diese wurden anhand der Baupläne über entsprechende Computerprogramme dem 3D-Drucker zur „Verfügung“ gestellt. „Wir freuen uns sehr, dass bisher drei Modelle erfolgreich erstellt werden konnten, und hoffen, dass noch weitere folgen können.“, so Irina Teichert, Behindertenbeauftragte der Stadt Zwickau.